DAS LEBEN
IM RUHRGEBIET
Wie
lebten die Menschen früher im Ruhrgebiet?
Durch meine zwischenzeitlich leider verstorbene Großmutter
Auguste (Jahrgang 1903) und Mutter Ilse (Jahrgang 1925) stehen
mir die Aussagen von Zeitzeugen zur Verfügung. Großvater
Alfred Pette (1900 - 1939) verstarb leider schon früh, und
ich habe ihn nie kennengelernt. Er stammt aus einer alteingesessenen
Familie im Ruhrgebiet.
DIE KAISERZEIT
Preußen hatte 1870/71 den Krieg gegen den verhaßten
Erbfeind Frankreich gewonnen, Elsaß - Lothringen wurde annektiert,
und das Deutsche Reich war gegründet worden. Mit der industriellen
Revolution sollte sich jetzt das Deutsche Reich innerhalb weniger
Jahrzehnte von einem Agrarstaat in ein mächtiges imperialistisches
Industrieland verwandeln.
Billige und willige Arbeitskräfte gab es genug, die oft unter
unmenschlichen Bedingungen schaffen mußten. Der Weltmarkt
wurde von billigen Fertigwaren aus dem Deutschen Reich überflutet,
und das Reich wurde zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für
die bereits etablierten Industriestaaten. Zum Schutz ihrer Produkte
setzten damals die Engländer durch, daß deutsche Waren
mit dem Sigma "MADE IN GERMANY" gekennzeichnet werden
müssen.
Die Arbeit im Ruhrkohlebergbau war hart und gefährlich. Unfälle
mit tödlichem Ausgang durch Steinrutsche oder Schlagwetterexplosionen
waren an der Tagesordnung. Der feine Kohlenstaub unter Tage zerstörte
die Gesundheit der Bergleute. Fast alle litten nach Jahren unter
einer Staublunge (Silikose), Bergleute starben durchschnittlich
15 Jahre früher als normal.
Die frühkapitalistischen Lebensbedingungen waren hart, der
Wohlstand blieb nur den besseren Kreisen vorbehalten.
Die Familien zeichneten sich durch großen Kinderreichtum
aus. Oftmals reichte das Einkommen nur für die Befriedigung
des absolut Lebensnotwendigen. Kinder teilten sich zuweilen Betten
und mußten die Bekleidung ihrer Geschwister auftragen, letzteres
war allerdings auch noch in den 1960ger Jahren üblich. Die
Ernährung und die medizinische Versorgung waren nicht immer
ausreichend.
Die Erziehung war streng und authoritär. In der Schule war
die Prügelstrafe an der Tagesordnung, die Lehrer und Pfarrer
waren unantastbare Respektspersonen.
Ein besonderes festliches Ereignis war immer der Geburtstag von
Kaiser Wilhelm am 27. Januar.
Großmutter Auguste sang mir dieses Lied vor:
"Der Kaiser ist ein guter Mann,
er wohnet in Berlin,
und wenn ich heut´ Zeit hätt´,
dann führ´ ich zu ihm hin."
Doch die Menschen mochten durchaus den Kaiser, denn Deutschland
sah sich einer glorreichen Zukunft entgegen. "Deutschlands
Zukunft liegt auf dem Wasser!" ...und in der Tat: Im Deutschen
Kaiserreich ging die Sonne niemals unter. Ab 1884 wurden Kolonien
gegründet. Der höchste Berg Deutschlands war der Kilimandscharo,
und es das Deutsche Reich hatte sogar eine gemeinsame Grenze mit
den USA.
Matrosenanzüge für Jungs waren populär. Das patrotische
Fieber erfaßte auch weite Teile der schwer arbeitenden Bevölkerung.
Die bürgerlichen Kreise im roten Ruhrgebiet bemühten
sich vehement, ihren Patriotismus unter Beweis zu stellen. Denkmale
zur Verherrlichung von "KAISER WILHELM UND SEINEN HELDEN",
aber auch zur Glorifizierung des Reichskanzlers Bismarcks, entstanden
in großer Anzahl in allen Städten des Ruhrgebietes.
Alle Teile der Bevölkerung hofften auf bessere Zeiten und
auf eine gute Zukunft.
Mit Begeisterung und Optimismus zog man 1914 in den ersten Weltkrieg:
"AUF WIEDERSEHEN AUF DEM BOULEVARD, MIR JUCKT DIE SÄBELSPITZE".
Die Kirche versprach jedem, der für Kaiser und Vaterland
den Heldentod starb, die Einkehr in´s Paradies.
Unsere Urgroßmutter spendete mit Begeisterung ihre goldenen
Schuck für die Rüstungsindustrie. Als Dank des Vaterlandes
erhielt sie einen Teller mit der Aufschrift: "GOLD GAB ICH
FÜR EISEN".
Die aufstrebende Industrie des Ruhrgebietes brauchte viele Arbeiter,
die man unter der einheimischen Bevölkerung schon lange nicht
mehr finden konnte. So wurden insbesondere polnische Arbeitskräfte
angeworben. Deren rechtliche Integration war damals problemlos
möglich, da die meisten Polen aus dem damaligen Westpreußen
(Masuren) stammten und ohnehin schon die reichsdeutsche Staatsbürgerschaft
inne hatten. Ein polnischer Staat existierte zu jener Zeit nicht,
Polen war aufgeteilt zwischen dem Deutschen Reich, der Kaiserlich
und Königlichen Monarchie Österreich - Ungarn und der
zaristischen Rußland.
Die Intregation der Polen im Ruhrgebiet gelang nicht problemlos,
aber da genug Arbeit und Raum für alle vorhanden war, schließlich
doch. Bottrop wurde nach Warschau die zweitgrößte polnisch
sprechende Stadt der Welt. Die erste Zeitung in meiner Heimatstadt
Wanne - Eickel erschien in polnischer Sprache. Noch in den 1930ger
Jahren gab es im Ruhrgebiet Menschen, die nur polnisch sprachen.
FAZIT: Das Leben zur Kaiserzeit war hart, aber jeder war optimistisch
und hoffte auf eine goldene Zukunft. So fanden die Menschen ihr
Glück im Kaiserreich.
DIE WEIMARER REPUBLIK
Wir machen Revolution! Aber was für eine? Der Hitlerputsch
scheiterte. Andere wollten ein kommunistisches Deutschland nach
dem Vorbild der gerade neu gegründeten Sovjetunion. Die Deutschnationalen
wollten ihren Kaiser Wilhelm zurückhaben, der zwischenzeitlich
in´s niederländische Exil gegangen war, wo er verbittert
20 Jahre später verstarb. Keiner war zufrieden, jeder wollte
seine Sache durchsetzen, ohne Rücksicht auf Verluste.
Das Chaos in den 1920ger Jahren nahm also seinen Lauf. Die Wirtschaft
lag am Boden. Durch die Inflation wurde jeder Millionär,
der US Dollar war eine Billion (eine "1" mit 12 Nullen
dahinter) Mark wert.
Großmutter Auguste berichtete gern von der Ruhrgebietsbesetzung
durch Frankreich im Jahre 1923. Nachdem es mit ihrer Stellung
als Putzmädchen in Wuppertal - Elberfeld nicht geklappt hatte,
weil ihr angeblich der Hausherr nachstellte, wurde sie von der
Besatzungsmacht zur Zwangsarbeit herangezogen und mußte
im Stadtteil Bickern den Sportplatz sanieren. Die französischen
Soldaten hätten sie schikaniert: "Na los, Frollein,
ma tüchtich arbeiten", habe ein Soldat immer zu ihr
gesagt.
Aber ansonsten konnte sich Großmutter Auguste nicht beklagen,
denn sie gehörte sicherlich schon zu den Privilegierten damals.
Großvater Alfred hatte immer Arbeit und als Steiger gutes
Geld verdient, so daß die beiden 1924 in eine Luxuswohnung
in einem Neubau in Röhlinghausen einziehen konnten: Sanitäre
Anlagen und elekrtisches Licht waren vorhanden. Bald schon ertönte
der erste Volksempfänger in der heimischen Stube.
Das Schicksal der 6 Millionen Arbeitslosen war allerdings hart.
Viele Menschen mußten gar hungern und betteln gehen, Rattenfänger
wie Adolf Hitler sollten damit leichtes Spiel haben.
Doch im Ruhrgebiet hatten die Nazis große Probleme, sich
durchzusetzen. Vor 1933 hatte die SPD nirgendwo eine absolute
Mehrheit, und viele Städte hatten kommunistische Bürgermeister.
Unsere Mutter erinnerte sich um 1970: "Die Kommunisten waren
damals ordentliche und anständige Menschen, nicht so wie
jetzt in der DDR". Doch die anständigen Kommunisten
bekämpften damals mehr die anständige SPD und weniger
die unanständigen Nazis.
DAS DRITTE REICH
Viele Menschen sahen im Dritten Reich eine Alternative. Mutter
Ilse träumte davon, in den neuen deutschen Osten (Baltikum
oder Ukraine) auszuwandern und dort eine Familie und eine Farm
zu gründen. Sie wurde BDM - Führerin (Bund Deutscher
Mädchen) und war sehr engagiert. Großvater Alfred äußerte
sich nie über Politik, er hatte Angst, daß seine eigene
Tochter irgendwas verbreiten könnte.
Die Menschen hatten oft Angst vor ihren eigenen Verwandten, ihren
Nachbarn, ihren Kollegen.
Doch auch die ärgsten Kritiker des Nationalsozialismus räumten
ein, daß die Nazis Erfolge aufzuweisen hatten. "Der
Führer hat Ordnung geschaffen", war zu jener Zeit in
einem schwedischen Schulbuch zu lesen.
Die Nazis hatten durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die
Arbeitslosen von der Straße bekommen, und ein bescheidener
Wohlstand deutete sich an. In einigen Jahren sollte sich jeder
Arbeiter gar einen eigenen Volkswagen leisten können. Das
Ruhrgebiet erhielt bereits 1938 die erste Autobahn, gebaut ohne
Großmaschinen in Handarbeit (BAB Oberhausen - Hannover).
Daß die Nazis Antisemiten waren, hat in der ersten Zeit
noch nicht einmal die Juden gestört. Ein bißchen Antisemitismus
mußten die Juden (fast) immer erdulden, aber keiner ahnte,
daß es diesesmal schlimmer werden sollte...
Mitte der 1930ger Jahre schloß ein jüdisches Bekleidungsgeschäft
in Wanne - Eickel, weil der Inhaber nach Amerika auswandern wollte.
Großmutter Auguste schleppte ihre widerwillige Tochter Ilse
dorthin, um für sie möglichst billig einen Wintermantel
zu erstehen. Für fünf Reichsmark bekam unsere Mutter
einen guten Mantel, der jahrelang hielt. Vor der Tür des
Geschäfts patrollierte ein SA Mann: "Schämen Sie
sich nicht, als deutsche Frau in einem jüdischen Geschäft
zu kaufen?" Großmutter Auguste machte sich rasch aus
dem Staube, im Grunde genommen interessierte sie sich überhaupt
nicht für Politik. Während des Krieges hatte sie dann
als Widergutmachung ehrenamtlich für die NS - Winterhilfe
gesammelt. Sie hatte eine verplombte Sammeldose und eine Spendenliste.
Gab ein Bürger einmal nichts, erschien am nächsten Tag
der Parteisekretär und klopfte dem Verweigerer heftig auf
die Finger...
Unsere Mutter Ilse blieb wegen ihrer Erziehung im Dritten Reich
ihr Leben lang latent antisemitisch eingestellt, und daß,
obgleich ihr einmal ein jüdischer Arzt das Leben gerettet
hatte, als sie noch Kind war.
Im Kriege war das Ruhrgebiet wegen seiner Industrie von zahllosen
Bombenangriffen betroffen. Die Urgroßmutter traute sich
nicht mehr aus dem Bunker heraus. Mutter Ilse berichtete, wie
einmal ein Pferd von einem Granatsplitter auf der Straße
getroffen wurde. Jemand schlachtete das Pferd und verteilte das
Fleisch an die Passanten. Mutter Ilse nahm das blutig triefende
Fleisch in ihre Schürze und brachte es zur Urgroßmutter,
die das Glück kaum fassen konnte.
Aber selbst Bratkartoffeln wurden zur Delikatesse. Mutter Ilse
berichtete, daß einmal der Stiel der Bratpfanne abbrach,
und die Urgroßmutter die Kartoffeln vom schmutzigen Boden
wieder einsammelte.
Großmutter Auguste war während des Krieges zur Pflichtarbeit
in der Wanne - Eickeler Brotfabrik Ruwe herangezogen worden. In
den ersten Kriegsjahren lieferte sie noch Brot bis nach Wuppertal
- Elberfeld aus, später, als die Angriffe stärker wurden,
fuhren sie und der Fahrer nur noch bis Essen - Bergeborbeck. Der
Lieferwagen war auf Gasbetrieb umgerüstet worden, um Benzin
für die Wehrmacht zu sparen. So hatte Großmutter Auguste
während des Krieges immer genug zu essen und auch Brot, daß
sie gegen Zigarretten eintauschen konnte. Jedoch verlor Großmutter
Auguste nach dem Kriege diese doch recht gute Arbeit, weil sie
beim Klauen erwischt worden war. Aber wer machte das nicht damals...
Doch gerade in den schwersten Zeiten kümmerte sich der Staat
um die Unterhaltung der Bevölkerung. Der Volksempfänger
war nicht nur ein beliebtes Propagandainstrument. In den Kinos
liefen bald die ersten Farbfilme, und in Berlin und im besetzen
Paris wurden die ersten Fernsehprogramme der Welt ausgestrahlt.
"Die Zeiten sind hart, aber der Endsieg ist unser!"
Dafür müssen wir vieles geben, so dachten die Menschen...
DIE
NACHKRIEGSZEIT
"Während des Krieges haben wir wenigstens nicht hungern
müssen", beklagten sich oft Mutter und Großmutter.
Nachdem jedoch die britische Besatzungsmacht für die Lebensmittelversorgung
verantwortlich wurde, kam es sehr häufig zu Versorgungsengpässen.
Ein Verwandter verstarb an einem Lungenriß, als er bei einer
Hamsterfahrt mit einem Sack Kartoffeln auf einen Zug aufspringen
wollte.
Im südlichen Ruhrgebiet wurden wieder Kleinzechen geöffnet,
um wenigstens etwas Kohle für die Heizung fördern zu
können. Strom- und Gasabschaltungen waren an der Tagesordnung.
Ein Großteil des Wohnungsbestandes war durch Kriegseinwirkungen
zerstört. Oftmals wohnten mehrere Familien in einer Wohnung.
Eine Nachbarsfamilie lebte sogar in einer Leichenhalle.
Das Geld war knapp, nach der Währungsreform 1948 erhielt
Großmutter Auguste nur 40,-- DM Rente im Monat. Der erste
Mann von Mutter Ilse verstarb, und Mutter Ilse mußte mit
ihrer Witweenrente das Trümmerhaus abbezahlen, welches ihr
Gatte kurz zuvor hekauf hatte.
Aus heutiger Sicht ist es nicht mehr vorstellbar, welche Leistungen
die Menschen damals für den Wiederaufbau erbracht haben.
Kompliment!
JETZT KOMMT DAS
WIRTSCHAFTSWUNDER
In den 1950ger Jahren nahm der Bergbau seinen letzten Aufschwung.
Aber dann änderte das Ruhrgebiet rasch und nachhaltig sein
Gesicht. Das billige Öl machte die Ruhrkohle unwirtschaftlich.
Die Lagerstätten waren zum Teil auch erschöpft, der
Beruf des Bergmannes wurde unattraktiv.
Das Ruhrgebiet wurde sauberer. Früher war es wegen des Rußes
der Kokereien nicht möglich, weiße Oberhemden auf eine
Wäscheleine zu hängen. Aber der Himmel wurde wieder
blau. Das Ruhrgebiet wurde normal.
Viele Menschen zogen aus dem Ruhrgebiet fort, um anderswo eine
bessere Arbeit finden zu können. So sank die Bevölkerung
Wanne - Eickels von 120.000 im Jahre 1065 auf ca. 90.000 heute.
Die Lebensqualität im Ruhrgebiet ist wesentlich besser geworden.
Allerdings hat das Ruhrgebiet auch viel von seinem alten Charme
verloren.
...aber eines hat sich nicht geändert und wir sich wahrscheinlich
auch nie ändern: Die Liebe der Mensche zum Fußball
ist ungebrochen.
Schalke 04 ist eine Institution, und wenn im Jahre 2004 die 100
Jahr Feier begangen wird, gleicht Gelsenkirchen einer Stadt im
Belagerungszustand.
Mein Großvater Alfred ging in den 1920ger und 30ger Jahren
noch zu Fuß zum Stadion, hin und zurück waren es etwa
20 km. Der Fußball war damals noch nicht so sehr kommerziell
wie heute. Die echtesten Fans trauern sicherlich noch diesen alten
Zeiten nach, als der reine Idealismus und die Begeisterungsfähigkeit
das Spiel bestimmten.
Keine so bedeutende Rolle mehr spielt jedoch heute die Zucht von
Brieftauben. Es soll zwar noch etwa 40.000 Züchter im Ruhrgebiet
geben, aber das Interesse vor allem der jüngeren Generation
an diesem Hobby läßt wohl nach.
Dafür ist das Ruhrgebiet heute keine kulturelle Wüste
mehr. Viele Theater erfreuen die Menschen, man denkt im Kohlerevier
heute nicht mehr nur an die schnöde Arbeit, sondern tut jetzt
auch viel für den Geist.